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Neo


Deutschland
971 Beiträge

Erstellt am: 14.09.2003 :  20:28:53   Profil anzeigen  Autor eine Email senden  Besuche Neo's Homepage  Antwort mit Zitat



Jürgen Willersinn: Der digitale Scherenschnitt

oder die umgekehrte Fotografie. Ein Versuch

veröffentlicht in Computer Art Faszination 2003


Begibt man sich in die Geschichte der menschlichen Abbildung und sucht dort nach den Vorformen der Fotografie, so wird man recht schnell auf verschiedene Verfahren stoßen die dazu dienten, Personen und Situationen möglichst rasch und einfach, aber trotzdem typisch darzustellen.

Gemeinsam ist diesen Verfahren, daß sie einerseits einen technischen Aspekt haben, denn es geht ja um das genaue Abbild eines wirklichen Menschen oder einer konkreten Situation. Zum anderen bedienen sie sich optischer Effekte ("Tricks") im Sinne der menschlichen Wahrnehmung und beinhalten darin einen künstlerischen Aspekt, die Reduktion auf das Wesentliche.

Ein Beispiel für eine solche Vorgehensweise findet sich im Scherenschnitt, der "kleinen schwarzen Kunst", wie sie auch liebevoll genannt wird, und dort besonders in den Porträtsilhouetten im Frankreich des 18. Jahrhunderts.

Zu dieser Zeit war es Mode, sich porträtieren zu lassen um sich der Nachwelt zu erhalten und man tat dies in Gemälden oder aber auch in Edelsteinen geschnitten und auf Stoffen gestickt. Nachdem sich viele Günstlinge des Staates - auf dessen Kosten - dieser Methoden bedienten, waren die Staatsfinanzen am Ende derart zerrüttet, daß der Finanzminister Etienne de Silhouette die Kunst einführte sich in Papier zu verewigen. Die so entstehenden kleinen Kunstwerke tragen heute noch seinen Namen.


Das Bild des Menschen

Eines der Verfahren das Abbild einer wirklichen Person zu erhalten, war der sogenannte Silhouettierstuhl, bei dem eine Person vor einer Kerze saß, so daß sein Schatten auf eine Milchglasscheibe fiel, von welcher dann der Umriß 1:1 abgenommen wurde.




Der "Storchschnabel" oder Pantograph, wie er heute noch in Schreibwarengeschäften erhältlich ist, diente anschließend dazu, das Bild maßstäblich zu verkleinern und ins Albumformat zu bringen, wo es dann schließlich ausgeschnitten wurde.


Reduktion auf das Wesentliche

Im Grunde geschieht bei diesem Vorgang nichts anderes, als daß eine dreidimensionale Szene unter Beibehaltung des Typischen auf zwei Dimensionen reduziert wird. Im einfachsten Fall, dem obigen Beispiel benötigt man dazu eine Lichtquelle, ein Objekt das einen Schatten wirft und eine Fläche, auf der das Abbild erzeugt wird. Über den Ersatz der Glasscheibe durch lichtempfindliches Material hat sich daraus die Fotografie entwickelt, wie wir sie heute kennen, und auch der CCD-Chip moderner Digitalkameras tut nichts anderes...





Von 3D nach 2D

Moderne Computerprogramme können virtuelle Räume aufspannen, man spricht von 3D-Programmen wie Bryce oder Vue d'Esprit. Der Ausgangspunkt ist stets eine leere Szene mit den Elementen Lichtquelle (Sonne) und einem Boden, auf dem eine Kamera steht. Wenn man nun ein beliebiges Objekt lädt und in die Szene stellt, ergeben sich die ersten Schatten und der Abbildungsvorgang beginnt.


Fotografie umgekehrt

Während das eine also darauf abzielt, eine wirkliche Situation in die Fläche zu reduzieren und damit den Grundstein für die Fotografie legt, geht das andere dazu über, eine Szene zu bauen, deren Abbild eine wirkliche Situation wiedergibt - oder auch eine, die "so sein könnte", denn sie wirkt real.


Was ist neu oder der Spieltrieb

Mithilfe dieser Technik können wir mit Wahrscheinlichkeiten spielen, uns der Realität mehr oder weniger annähern, aber sozusagen "von unten herauf". Es ist sehr schwierig, eine 3D-Szene zu erstellen die vom menschlichen Auge als real empfunden wird - aber es ist auch nicht mehr das einzige Ziel. Der menschliche Spieltrieb ist die treibende Kraft zur künstlerischen Aussage, und der Computer heute das zentrale Mittel, ihn auszuleben. Wir leben im digitalen Zeitalter.


Die Analog- und Digitalcollage

Die uralte Kunst des Scherenschnitts zeigt Grundlagen auf. - Klassische Papierschnitte bestehen aus einem einzigen Stück Papier. Die einzelnen Bestandteile der Szenerie sind kunstvoll miteinander verbunden. - Wenn man sie trennt, entstehen frei in der Fläche positionierbare Elemente. Im Verschieben oder Übereinanderlegen entsteht eine neue Kombination, eine Collage, die anschließend durch Kleben fixiert wird.

Im Computer kann ich diese Verschiebungen digital durchführen, eine 3D-Szene mit Objekten füllen und das so entstehende, zweidimensionale Bild mit der Kamera prüfen. 3D-Szenen sind digitale Collagen. Die Möglichkeit, Zwischenstände abzuspeichern und später wieder dort aufzusetzen, unterstützt und beschleunigt den Vorgang.


Die Arbeitsweise

Im Scherenschnitt muß ich immer vorwärts arbeiten, überlegt und sehr exakt. Es gibt nur Schwarz oder Weiß, ausgeschnitten oder stehengelassen, die 0 oder die 1. - Was einmal entfernt ist, kann nicht mehr angefügt werden, allenfalls ist von vorne zu beginnen. Viele Künstler haben unzählige Varianten ein- und desselben Bildes gefertigt, bis sie das gewünschte Ergebnis hatten.

Trotz der Möglichkeit, Einzelschritte abzuspeichern, arbeitet auch der Computer digital, exakt und unbestechlich. - Es gibt nur die 0 und die 1, ein Bildpunkt ist gesetzt oder eben nicht. Und das Grundproblem bleibt erhalten, das ist die Auswahl des Endzustands, des fertigen Bildes.

Der Scherenschneider betrachtet das Papier. Soll ich noch schneiden oder nicht?

Der Computerkünstler sieht auf den Bildschirm. Er hat unendliche Möglichkeiten, noch etwas abzuändern. Irgendwann aber wird er sich entscheiden, daß es jetzt fertig und sein Bild ist.

Scherenschnitte sind wie digitale Bilder stets und absolut geplant. In diesen Medien gibt es keine Varianz des Materials, keine Anregung durch dasselbe, kein automatisches Werden und keinen Zufall. Du kannst es, du willst es und du tust es - oder nicht.


Letzte Bilder

Betrachten wir Henri Matisse als Scherenschneider, und gehen einmal nahe heran, in sein Leben.

Er war sehr krank, sehr müde, er hatte eine schwere Operation hinter sich, konnte sich nur noch mit größter Mühe bewegen und konnte gar nicht mehr an der Staffelei stehen, aber das war eine Möglichkeit für ihn, in seinem Bettlager zu arbeiten, mit der Schere zu arbeiten. Er hat noch die Farben gemacht, hat die dann wie ein Regisseur vom Bett aus dirigiert oder von einer Art Feldlager, mehr nach links, weiter unten rechts: Regie!

Auch als Computerkünstler muß ich nicht an einer Staffelei stehen, ich benötige meine Augen und ein Mittel, dem Computer zu sagen, was ich möchte. Meine Urteilskraft bestimmt über das entstehende Bild, ich bin der Regisseur und brauche nicht einmal Assistenten, um zu dirigieren. Ob ich alt, krank oder bettlägerig bin, ist nicht mehr entscheidend. Lebte Matisse noch, er würde heute mit dem Computer arbeiten.





In Wirklichkeit

Matisse arbeitete mit einer Schneiderschere, er schnitt direkt in die Farbe und bis acht Meter groß. - Normalerweise sind Scherenschnitte aber eher klein bis winzig. Die kleinsten Scherenschnitte stammen von Karl Fröhlich, und sind im kunsthistorischen Museum der Hansestadt Stralsund zu bewundern. Sie messen nur 1,5 cm und stellen komplette Szenen mit Menschen, Tieren und Pflanzen dar. Gegen Ende seines Lebens erblindete dieser Scherenschneider, was nicht unbedingt für die Methode spricht.

Auch Computerbilder müssen in die Wirklichkeit, sie gehören in die großen Formate und müssen anständig gedruckt, gebührend präsentiert und wertgehalten werden. Am großen Baum der Kunst sind sie der Ast, der weiter treibt und wächst. Mit meinem Unternehmen Fine Art Printing versuche ich, dazu beizutragen.


Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt

Dieses Wort von Peter Handke regt an, sich mit dem zu beschäftigen, was eigentlich passiert, fernab der Technik. Ein Künstler schafft aus sich heraus Neues, stellt seine Sicht der Dinge dar, ist darin zunächst introvertiert. Der Computer gibt ihm anschließend auch die Möglichkeit zur Darstellung und zur Diskussion mit anderen, über das Internet. Wir leben in einer Zeit, die das ermöglicht. -

Scherenschnitte sind, wie Computerkunst, eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Wesentlichen. Es gibt das Medium aus dem du etwas machst, das Werkzeug dazu und es gibt dich. - Du bist wesentlich.

---




Jürgen Willersinn, Stuttgart ist 1962 geboren und gründete 1995 den Deutschen Scherenschnittverein.

"Die Bereiche IT und Kunst zu verbinden wurde mir zur Aufgabe. Das eine steht für die Technik, das andere für das Menschliche. Sie verbinden sich in human gestalteten Produkten und Leistungen, sowie der richtigen Augenhöhe in Situationen und Beziehungen. - Aus Kunden können Freunde werden."

Stationen Art & Design, e-business

1980-heute Zeichnungen, Fotografie, Computerkunst
1995 Gründungsvorsitzender des Deutschen Scherenschnittvereins e.V.
2000 Gründung der Internetgalerie artagens.de für Digitale Kunst
2001 Start des Kunstforums kunstcafe.de
2002 Digitaldruck in Kunst und Fotografie, fine-art-printing.de






sannshine


Germany
670 Beiträge

Erstellt  am: 14.09.2003 :  23:13:26   Profil anzeigen  Autor eine Email senden  Besuche sannshine's Homepage  Antwort mit Zitat
Gratulation!

sannshine
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georghue


Österreich
71 Beiträge

Erstellt  am: 17.09.2003 :  13:18:24   Profil anzeigen  Autor eine Email senden  Besuche georghue's Homepage  Antwort mit Zitat
hallo jürgen
ein satter, schöner beitrag von dir - danke. muss mal darüber grübeln - gibt da einiges dazu zu sagen, aber nicht so auf die schnelle wie jetzt gerade bei mir. mein beitrag im moment dazu ist hier.

georghue
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Neo


Deutschland
971 Beiträge

Erstellt  am: 17.09.2003 :  22:05:34   Profil anzeigen  Autor eine Email senden  Besuche Neo's Homepage  Antwort mit Zitat
Die schwarze Dame gefällt mir sehr...

wenn du magst versuch das doch mal in eine 3D zu stellen. - Kommt bestimmt gut! - Gruß

Neo
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